Genesis P-Orridge

„Wir leben in größter Gefahr, solange wir Realität und Fantasie weiterhin als getrennt betrachten!”


BIOGRAFIE

 

Geboren am 22. Februar 1950 in Manchester, England hat Neil Andrew Megson, unter dem Pseudonym „G.P Orridge“ (GPO) nicht ohne eigenes Zutun Kultstatus erlangt. Seine Extrem-Performance-Gruppe „C.O.U.M. Transmissions“ erregte Ende der 1960er Jahre öffentliches Aufsehen in Großbritannien. Gemeinsam mit Chris Carter und Cosey Fanni Tutti gründete er 1975 die Band Throbbing Gristle (TG), die den Begriff „Industrial“ Musik (Atonal) geprägt und etabliert hat. Groß geworden in der Tradition der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts erregte GPO 1976 die Aufmerksamkeit des Postpolizei Departments, weil er „indecent mail“ (Dada-Postkarten von Parlamentsmitgliedern mit pornografischen Fotos und Texten versehen) über den Postweg versandt hatte. Mit seiner Anklage löste sich die illusorische Grenze zwischen Kunst und Kriminalität auf. Aufgrund des schlechten Images, das GPO für England abgab, drohte die Regierung, ihm seinen Reisepass zu entziehen. All dies würde für Genesis - nun als vorbestrafter Krimineller klassifiziert - zur Basis für einen folgeschweren Schritt zu Beginn der 90er Jahre werden. Erst jedoch sollte er, mit dem TG-Folgeprojekt „Psychick Television“ 1982 das (seit den Sex Pistols höchst-vorfinanzierte) Pilotalbum „Force thee hand ov chance“ bei dem Major Label WEA-Musik herausbringen. Auf diesem Weg konnte er, mit den begrenzten Mitteln eines Künstlers, die Basis für das „Temple Ov Psychick Youth“-Universum manifestieren. Mit (der von P.Orridge, Peter Christopherson und Alex Patterson gegründete) Band PTV als Propaganda-Arm sollte das von England ausbreitende Netzwerk-Geflecht die Welt einschneidend verändern. Nebst der Acid-House Platte „Jack the Tab“, realisierte GPO Alben mit Stan Bingo, Zev, PWOG, Coil und anderen Bands und mit über 70 Alben gelang „Psychic TV“ der Einzug ins Guiness- Book of Records. Die musikalischen Experimente von Psychick TV wurden zum Ursprung einer neuen Gattung Musik; des Techno (Acid-House). Als die Band den Krautrock-Stil hinter sich gelassen hatte und auf der „Pure Acid“ Tour 1989 dem deutschen Publikum neue, elektronische tribal Beats präsentiert wurden, flippten die Gäste aus. Die Presse, die zu Beginn über PTV schrieb „(...) zu schockierend, selbst für Punks.“ - verbreitete nun das Gerücht eines Netzwerks mehrerer tausend Mitglieder. Jenseits des Scheins jedoch, war TOPY mit der Pyromania-Arts Foundation in Holland und ähnlichen Projekten in Australien, Italien und Deutschland, in einem Jahrzehnt gerade einmal auf hundert sich widmende Aktivisten angewachsen. Am Übergang in die 90er Jahre spielten PTV im „Pyramid“ - einem  Club in dem der Templer Boris Hiesserer aka b.-eden 123 den „ersten offiziellen Acid House Club“ in der Megametropole New York eröffnet hatte.

Im Verlauf dieser US-Tour, trugen sich mehr als 6000 Seelen auf den ausgelegten Adresslisten ein, für deren Betreuung seinerzeit keine Infrastruktur existierte. Nach einer auf BBC 2 (UK) ausgestrahlten, unsagbar unlauteren TV-Reportage, die boshafte Gerüchte aufgriff und mit falschen Zeugen aufwartete, brach die Polizei das Privathaus (und TOPY-Archiv) der Orridges im englischen Badeort Brighton auf und schleppte Kistenweise Material fort. Genesis P.Orridge wurde informiert und flog (mit Paula und den beiden Töchtern „Genesse“ und Caresse“) aus dem Nepal-Urlaub nicht nach England zurück. Er sollte eine unbestimmte Reise ins Exil antreten und 1992im Norden San Franciscos die „Transmedia Foundation“ gründen. Schon bald war die Kalifornische Presse begeistert von dem Engländer der „wie einst Timothy Leary“ bei Michael Horrowitz Unterschlupf gefunden hatte. Nach zahlreichen Live-Gigs, wie z.B. dem „Cyberspace“-Pannel im Rahmen der „Whole Life Expo“ und einer Anzahl Neuauflagen früherer Alben für den US-Markt, gingen Gen, Paula und die Kinder ab 1993/1995 verschiedene Wege. Seit 1997 lebt GPO als Autor, Musiker, Kultur-Kommentator (Medienkritiker) und „Bohemian“ in New York, wo er mit Bryin Dall (von Loretta's Doll) zusammen sein neuestes Poesie/Musik/Performance Projekt „Thee Majesty“ gründete.

 

Maßgeblicher Beitrag zur Bewusstseinsforschung

 

Genesis P.Orridge arbeitete u.a. mit Autoren William S. Burroughs, Brion Gysin sowie dem radikalen Filmemacher Derek Jarman und (noch kurz vor dessen Tod) mit Timothy Leary zusammen. Nebst der von Burroughs und Gysin entwickelte Cut-Up-Methode und der Dreamachine hat er zahllose radikale Themen und Ideen über das sich erweiternde TOPY-Netzwerks in Umlauf gebracht. In seinem Buch Cyberia bezeichnet Douglas Rushkoff das von GPO initiierte „Temple Ov Psychic Youth“ Projekt - im wesentlichen als ein bestehendes Netzwerk von Aktivisten mit Anrufbeantwortern, Postfächern, Faxgeräten, Computermodems oder 0800-Telefonnummern – als eine postmoderne Metapher von „Gaia“. Der Temple mag als Fanclub und ideologisches Forum für Genesis P. Orridge und des (Acid)House-Nebenprodukts Psychick TV begonnen haben - er entwickelte sich aber bald zu einem kultischen Netzwerk aus Zauberlehrlingen und Datensphäre-Freaks. Sie waren das extremste Beispiel für Technoheidentum und vollführten bewusst den Spagat zwischen der jenseits des Mittelalterkults angesiedelten heidnischen Spiritualität des Altertums und der über die  Computertechnologie hinausgehenden Schöpfung dessen, was sie als "globales Datenwesen" definierten. GPO und der Temple gingen der (Acid-)House-Kultur voraus und womöglich haben sie diese überhaupt erst hervorgebracht. Niemand wird leugnen, dass die (Acid-)House Platte Jack The Tab (erschienen auf Temple Records), einen der ersten Funken darstellt, der, das elektronic Dance-Moovement über Europa hinaus entzünden sollte.

 

Beziehung zum (bzw.) Rolle für den Herausgeber

 

In der Gestaltung von Klangkollagen & Loops fand ich meine Meditation, als ich 1982 Gen (so nannten ihn Freunde seinerzeit) in einem riesigen Zirkuszelt in Göttingen ansprach (und aufnahm). Mit der ursprünglichen Originalbesetzung von Psychick Television zu Gast, spielte die junge Paula Tapeloops ein und wie für PTV Live-Acts üblich, glich die freigesetzte Energie einer Kathedrale aus Sound. Kathodenstrahlen schossen Lichtsymbole, aus zu Pyramiden gestapelten TV-Monitoren, von der Bühne ins Publikum. Da stand ich; fasziniert und gebannt von dem (für den 80er Underground eher untypischen) Einsatz der visuell-auditiven Techniken. Meine Rolle als Bühnenchoreograf für PTV begann, nach einem Briefwechsel zwischen Gen und mir, indem ich erstmals 1984 visuelles Material für einen PTV-Auftritt in England erstellte. Als Datendieb sammelte ich, bevor ich ihn das erste mal besuchen sollte bereits Fragmente der (verloren gegangenen) magischen Kultur Mitteleuropas. Kein Konzert, Meeting, keine Demo, kein Ritual, dass ich nicht, mit dem Kassetten- oder Video-Recorder bestückt, mitgeschnitten hätte, um mich infolge dessen stets weiter in einem Netz aus (längst überwunden geglaubter) Piraterie, Magie, Hexerei, Orgon-Energie, neuheidnischer Ektase-Technik und Ausserirdischen Sexualpraktiken des Acid-House Voodoo eingebunden wiederzufinden. Gen wurde mein Fährmann für den magischen Übergang in ungeahnte Territorien jenseits der Abyss. TOPY-Holland war an mich herangetreten, um mich als Aktivisten zu gewinnen, nachdem meine Lebensgefährtin und ich 1984 in die holländische Stadt Utrecht gezogen waren und die Pyromania Arts Foundation gegründet hatten. Die Foundation sollte Zugang zur dogmafreien Temple-Ideologie gewährleisten und konnte die Ausrichtung und Morphologie des jungen TOPY-Netzwerks direkt mitbestimmen. Mit dem Aufkommen neuer Sampler-Technologien hatten sich Sound (und Besetzung der Band) beim Erscheinen des „Jack the Tab“-Samplers völlig geändert. Die Konzerte der Europa- und USA-Tour an denen ich choreografisch mitwirkte, ließen bleibenden Eindruck und können rückblickend als moderne (elektronisch generierte) Voodoo-Rituale bezeichnet werden. Und doch blieb, nachdem das Stroboskop und die Musik ausklangen und der Kunstnebel sich lichtete, etwas von dieser Energie zurück. Und um genau diese Erfahrungen über die Woche hinweg nicht mehr vollends abklingen zu lassen, suchte ich die anderen und betätigte mich – nach Auflösung des TOPY weiterhin als DJ, Organisator, Deko-Artist und ChillOut-Ausstatter, Party-Veranstalter und Trance Experte.

 

Veröffentlichungen (Auszug)

 

·       Subvers/Genesis P-Orridge Special Edition (1972)

·       Contemporary Artists  (1977)

·       Thee Grey Book (1983)

·       Thee Black Book: Sigils (1984)

·       Psychic TV: Lyrics And History (1990)

·       Thee Psychick Bible  (1994)

·       Esoterrorist  (1989)

·       To Be Ex-Dream  (1997)

·       S/He Is Her/E (2000)

·       Painful But Fabulous: The Lives And Art Of G.P-Orridge  (2002)

 

Weblinks

 

http://www.genesisbreyerporridge.com/genesisbreyerporridge.com/Genesis_BREYER_P-ORRIDGE_Home.html

 

www.lastfm.de/music/Psychic+TV

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