Walpurgis-Nacht auf der Thingstätte: Rhein-Neckar-Zeitung 2002

SINN-SUCHE AUF DEM HEILIGENBERG

Warum zieht es am 1. Mai Tausende auf die Thingstätte?
– RNZ sprach mit Szene-Kenner Boris Hiesserer

Tausende junger Menschen nehmen in der Walpurgisnacht den mühsamen Weg auf den Heiligenberg um unorganisiert in Dunkelheit, bei Tanz, Musik und Feuerspektakel in den ersten Mai zu feiern. Was suchen diese Jugendlichen da oben? Was macht die Faszination dieser Veranstaltung, die keine sein darf, aus?
 
"Das ist ein archaisches Revival", ist Boris Eden Hiesserer überzeugt. Seit gut elf Jahren gehört er zu den Aktivisten des Heiligenberg-Kults. Als Gründer der Pyromania Arts Foundation und Herausgeber des in Heidelberg erscheinenden Magazins "Rave New World", kennt er sich in der Szene aus - einer Szene moderner Technologie und Natur erforschender Schamanen und neuen Heiden. Und er weiß, was junge Menschen in dieser Nacht in die Thingstätte führt: "Es ist die Suche nach Sinn und Sinnlichkeit". Und es ist eine Suche nach einer Gemeinschaft außerhalb eines Systems, „das den Menschen einengt, Wahrheiten vorgaukelt und ihn von seinen Wurzeln entfremdet“. Diese Wurzeln liegen in der Natur und in einer Gesellschaft der Gleichgesinnten. "Mutter Erde ist ein lebender Organismus“, sagt er, „und wir Menschen sind ein Teil davon". Dass, in darwinschem Sinne, nur der Stärkere den Kampf ums Überleben gewinne, ist in Boris Edens Augen Unsinn. "Nur wer kooperiert macht wirklich Gewinn." Dieser Gang auf den Heiligenberg ist also eine Suche nach einer ursprünglichen Gemeinschaft - ohne Konkurrenzkampf, dafür in Kooperation.

"Aber genau das ist den Menschen hier unten suspekt. Dass sich Leute auf einem Berg zusammen finden: ohne Kontrolle und abseits staatlich lizenzierter Unterhaltung." Den Autoritäten bereite diese Bewegung Angst, ist Hiesserer überzeugt. "Wenn sich Menschen verschiedener Kulturen und Klassen zusammenfinden - ohne Ausbeutung oder Ausbruch von Gewalt", sei dies mit den herkömmlichen Gesellschaftsmodellen nicht vereinbar. Hiesserer ist überzeugt: Wer schon beim Aufstieg zur Thingstätte alles ausatme "was nicht in ihn hinein gehört und sich frei macht vom Ballast des neuzeitlich-kulturellen Gedankenmülls, wird dort oben Ruhe und Klarheit finden". Der Weg zur Thingstätte und das Fest zu Walpurgis als spirituelle Reinigung, die Raum gibt, "in dem wir teilhaben können am Akt der Schöpfung". Nach Boris Edens Erfahrung sind viele junge Menschen - "müde von der bisherigen Art des Zusammenlebens" - auf der Suche nach ursprünglichen Erfahrungen.
   
Es geht ihnen - in einer globalisierten Welt des eindimensionalen medialen Informationsflusses - um das Zurückgewinnen der eigenen Wahrnehmungen, um eine Kontrolle des eigenen Körpers, um eine Art natürlicher Freiheit. Der Heiligenberg - der heilige Berg selbst ist Teil dieses Findungsprozesses. "Der Ort hat eine magische Ausstrahlung", sagt Hiesserer. Was nicht an dem pompösen Nazi-Bau Thingstätte liegt. Seit Jahrtausenden fasziniere der Berg den Menschen, zog Kelten, Heiden, Romantiker, Hippies an. Seit jeher ein Ort des Kultes, bildet der Berg den Gegenpol zur heute weltlichen Seite der Region - mit einer eindeutigen Trennlinie, dem Neckar. "Die Vertreter der neu-heidnischen Bewegungen betrachten den Berg wie einst ihre Vorfahren, als einen der zentralen Meridiane des lebenden Planeten". Einen Ort archaischer Kraft also. "Hier kann man sich fallen lassen, sich verlieren und neu entdecken", so Boris Eden. "Hier können wir uns die Wahrnehmung unserer Vorväter als Naturvolk erschließen", beschreibt er eine Art spirituelle Erfahrung, "und mit neuen Eindrücken wieder zurück kehren - vielleicht in eine neues Kapitel des eigenen Lebens." 


60 Freiwillige wollen dem Müll zu Leibe rücken

Natürlich kann eine Bewegung, die sich der Rückbesinnung auf die Ursprünge der Natur verschrieben hat, nicht die Augen verschließen vor dem Müllproblem zur Walpurgisnacht. Dieser ist schließlich auch Hauptkritikpunkt der vielen Gegner des Treffens auf der Thingstätte. Laut verschiedener Mitglieder Stimmen der Künstlergruppe der Pyromania Arts Foundation (deren Gründer Boris Hiesserer ist) machen die Müllberge aber nur sichtbar, „was sonst in mehrfacher Menge in den eigenen vier Wänden, nebst Strom verbraucht und als Verpackung in die Mülltonne gewandert wäre“. Das Müllproblem sei also kein spezifisches der Maifeier sondern ein generelles. Weil aber die Kritik der Bevölkerung verstanden und dieser auch entgegen gewirkt wird, schlossen sich in Eigeninitiative im vergangenen Jahr 60 Freiwillige an, die nach der Feier am 1.Mai auf dem Heiligenberg Müll einsammelten. Aktion wird wiederholt.

 

Quelle: Das Interview führte Alexander R. Wenisch, Rhein-Neckar Zeitung, 30. April 2002

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