DER RATINGER HOF, DÜSSELDORF

 

Geburtsstätte der deutschen Punkkultur

Der ‘Ratinger Hof‘ war eine legendäre Düsseldorfer Künstlerkneipe, die, von den späten 70ern bis 80er Jahren, Szenetreffpunkt der Kunst- und Subkultur war. Die nahe der Kunst-Akademie in der Altstadt gelegene, heruntergekommene Kaschemme, mit ihrem Neon-Röhren Flair, gilt als 'Geburtsstätte deutscher Punkkultur' und Katalysator für die Musik-Szene, in Düsseldorf und darüber hinaus.

Bis dahin war das 1967 eröffnete 'Creamcheese' Düsseldorfs Keimzelle der modernen Kunst. Mit 'Amon Düül', 'Kraftwerk', 'Tangerine Dream', 'Can', Freejazzer 'Peter Brötzmann', Kunst-Akademie Professor 'Joseph Beuys' u.a. zählten die Innovatoren der deutschen Kultur zu seinen Gästen, so dass der international bekannte Kult-Club heute als "Geburtsort des deutschen Kraut-Rock" bezeichnet wird. Nach neun Jahren sollte das 'Creamcheese' seine Tore in der Altstadt dicht machen.


Von 1976 an verlagerte sich die Kunst- und Musik-Szene in den 'Ratinger Hof', der sich schon bald zum neuen Zentrum des Düsseldorfer Kulturgeschehens entwickelte. Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer hatten den Laden 1974, als heruntergekommene Hippiekneipe, übernommen und von Flokatiteppichen, Lavalampen und Räucherstäbchen befreit. Ab 1977 wurde der Hof zum Treffpunkt der Punks, die hier auf knallharten Sounds und Beats gemeinsam abfeierten, anfangs zu DJ-Sets und ab 1978 auch zu live Auftritten englischer Bands wie 'The Wire' oder 'Bauhaus'.

Die beeindruckendsten Klang-Projekte jener Zeit produzierte Conny Plank, ein Freund Carmen Knoebels und einer der größten Studio-Ingenieure und Platten-Produzenten des 20. Jahrhunderts. Planks Studiosound hat den frühen Sound von ‘Kraftwerk‘ geprägt, der wohl bekanntesten Düsseldorfer Band, sowie den Sound von David Bowie, Brian Eno, Gianna Nannini, Scorpions, Ultravox, Devo, Killing Joke, Whodini, Ideal und Eurythmics. Im 2017 erschienenen Film 'Potential of Noise', zu deutsch 'Mein Vater, der Visionär' porträtiert Planks Sohn Stephan, gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Reto Caduff, das Leben und Werk seines Vaters. Zahlreiche Weltstars erörtern darin dessen musikalisches Schaffen im zeitgeschichtlichen Kontext.

Anfang der achtziger Jahre schuf Conny Plank, mit dem Sound für die Band 'Deutsch Amerikanische Freundschaft' (DAF), ein weiteres innovatives Kunst- und Musik-Projekt. Diese neue Form des Elektro-Punk - einer Mischung aus Punk, Industrial und Electronic Body Music (EBM) oder „Körpermusik“ wie Gabi Delgado-Lopez es zu nennen pflegte - wurde zur Blaupause der elektronischen Dance Musik (EDM).

Das galt auch für den faszinierenden, ebenfalls von Plank produzierten, Sound von ‘Liaisons Dangereuses‘. 'Los Niño' del Parque', die Single-Auskopplung des Debut-Albums von Beate Bartel (Mania D. / Matador), Chrislo Haas (DAF) und Krishna Goineau, wurde zum internationalen Erfolgshit der Subkultur, der noch heute von bekannten Chicagoer House- und Detroiter Techno-DJs als entscheidender Einfluss zitiert wird.


Im Keller des Ratinger Hofs fand auch die erste Probe von D.A.F. statt. Der 2020 verstoirbene Sänger Gabi Delgado-López ging selbst im Club tanzend ab und auch DAF-Partner Robert Görl zählte zum Stammpublikum. Viele Künstler, lokale Bands und Pioniere neuer musikalischer Genres gaben sich im Ratinger Hof die Klinke in die Hand.

Hier trafen sich, als Gig oder als Gast, Düsseldorfs erste Punkband 'MALE', 'S.Y.P.H.', Peter Hein von 'Mittagspause' und 'Fehlfarben', ‘Family *5‘, 'Neu', 'La Düsseldorf', Moritz R und ‘Der Plan‘, ‘Pyrolator‘, ‘Östro 430‘, 'Mania D', 'Die Smarties', ‘Die Krupps‘, ‘Miracle Whip‘, ‘Tommy Stumpf‘, ‘Trini Trimpop‘ und der ‘KFC‘ (Kriminalitäts-Förderungs Club), ‘Nichts‘, ‘ZK‘, ‘Campino‘ und ‘Die Toten Hosen‘-Mitglieder u.v.a..

Unvergeßlich ist der Hof-Auftritt dere Avantgardisten von ‘Minus Delta t‘, rund um Karel Dudesek, Mike A. Hentz und Bogumil Gernot, die 1978 Mehl und Blut vergossen und mit Schlachtabfällen um sich warfen. Und auch ‘Belfegore‘, die 'Nichts'-Nachfolgeband um Michael Clauss, spielte 1984 live im Hof (Foto unten).

 

 

Für und durch jede/n Einzelne/n von ihnen wurde der Ratinger Hof zum Realitäts-Labor für tanzbaren Elektro-Punk. Dazu zählte auch Boris, der Sohn des Düsseldorfer Kunstmalers Dieter Hiesserer und späterer 'Temple Of Psychick Youth' Aktivist und der Filmemacher Jürgen Muschalek aka 'Muscha', der mit Klaus Maek, Volker Schäfer und Trini Trimpop das Drehbuch zum Kinofilm 'Decoder' schrieb.

Der Cyberpunk-Film befasst sich mit der manipulativen Wirkkraft der, als 'Funktionelle Musik' aka. 'Muzak' bezeichneten, industriellen Fahrstuhl- bzw. Kaufhaus-Musik und erschien 1983. 'Abwärts'-Mitglied und späterer 'Einstürzende Neubauten'-Schlagzeuger 'FM Einheit' experimentiert in Decoder mit Klang- und Frequenz-Modulationen; an seiner Studiowand ein Poster des 'Temple Ov Psychick Youth', dessen Gründer Genesis P-Orridge, nebst Christiane F., ebenfalls eine Rolle darin spielt.


Eine virtuell-literarische Reise zurück in die Düsseldorfer Punk-Tage und die Musik- und Kunstszene jener Zeit ermöglicht ein 2020 erschienenes Buch. 'Geschichte Wird Gemacht – Deutscher Untergrund in den Achtziger Jahren‘ lautet der Titel des von ‘Xao Seffcheque‘ & ‘Edmond Labonte‘ veröffentlichten Fotobands, mit Insider-Retrospektiven und zahlreichen authentischen Fotos. 

Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen stammen von dem leidenschaftlichen Fotografen und Szenekenner Richard Gleim aka ‘ar / gee‘, der jene Zeit - mit Snapshots von Auftritten internationaler Punk Bands und nahezu aller zuvor in diesem Text genannten Künstler - bestens dokumentiert hat. Auch die beiden (ganz oben) auf dieser Seite präsentieren Schwarz-Weiß-Fotos sind aus dem Archiv des, 2019 verstorbenen, Düsseldorfer Punk-Chronisten.

Bild: Tobias Brink, Käpt’n Nuss aka Fred Mackenthun, Tommy Stumpf und Peter aka Trini Trimpop vom Kriminalitäts-Förderungs Club (KFC), 1979

 

Quelle: Pyromania Arts Redaktion

Link: de.wikipedia.org/wiki/Ratinger_Hof
www.facebook.com/groups/39580634813

Fotos: ar/gee aka Richard Gleim, Boris Hießerer, Che Seibert

Liaisons Dangereuses, 1981 im Hof

'Mein Vater, der Klangvisionär', 2017

Richard Gleims ZK-Poster

Decoder Handbuch zum Film, 1983

Punk-Historie, ar/gee Gleim Bildband

Punkzine Hrsg. Günther Kruse, 1983

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